Versuch zur Mündigkeit

Vogelkäfig, Maulkörbe mit Uterus Dilatoren, Kinderwagengestell, Tierpräparate, Holzkiste, Kartoffelkorb, Röntgenaufnahme, 220 x 310 x 100 cm, 2019

Installation zur Ausstellung
"COURAGE! Gleiche Rechte, gleiche Pflichten! 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland"

Rückblickend stellt man sich die Frauen, die um 1918 für ihre Überzeugung auf die Straße gingen, stolz, unerschrocken, Weitsicht und Mut
beweisend vor, ähnlich wie Raubvögel am Himmel, die in der Traumdeutung als Boten der Veränderung einen Wandel ankündigen.
Mit diesem und anderen symbolhaften Vergleichen arbeitet die Kölner Künstlerin Ines Braun in ihrer Installation „Versuch zur Mündigkeit“.
Der Raubvogel begegnet dem Betrachter in der Ausstellung als Tierpräparat eines Bussards, der in einem altertümlichen Vogelkäfig gefangen ist. Der Bussard gerät in der Installation in die Rolle des Opfers – und versinnbildlicht die Märtyrerrolle der Frau, die zwar den freien und radikalen Gedanken der Frauenrechtlerinnen vor 100 Jahren vertritt, aber auch Inhaftierungen, Hungerstreiks, Zwangsernährung und der damit verbundenen Gewalt ausgesetzt war. Das Vogelgefängnis steht somit auch für den „Goldenen Käfig“ der Unmündigkeit.
Eine weitere Assoziation erweckt die Künstlerin mit dem Vergleich zu mittelalterlichen Gefängniswagen, den sogenannten „Käfigwagen“, deren Insassen, ebenso wie die Frauenwahlrechtlerinnen, mit Hohn und Spott überzogen wurden.

Im zweiten Teil der Installation trifft der Besucher auf ein ausgestopftes Reh, das auf einem Kasten platziert ist, der an eine Wahlurne erinnert. In der Märchenwelt leitet es die Protagonisten häufig auf unbekannte Wege und zeigt so neue Möglichkeiten und Perspektiven auf. Anstelle des „Kreuzchens“, das man bei jeder Wahl machen kann, hat Ines Braun eine beleuchtete Röntgenaufnahme von kreuzförmig überlagerten Knochen auf der Wahlurne platziert. Da der Laie nur anhand der Knochen nicht erkennen kann, ob es sich um Knochen von Mann oder Frau handelt, führt die Künstlerin alle mensch- (bzw. „mann“- ) gemachten Gründe gegen das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung ad absurdum.

Nora Löhr (Mittelrhein-Museum)


Fotos: Isa Steinhäuser